Neuaufnahme Gruppenmitglieder

Start: 16.03.2007, Stand: 16.03.2007, Autor: Fred

Eine Selbsthilfegruppe braucht immer wieder neue Mitglieder, damit sie bestehen bleibt. Mitglieder werden die Gruppe verlassen. Neue werden dafür hinzukommen.

Und für viele Gruppen ist es auch ein Anliegen, dass Betroffene möglichst jederzeit mit hinzustoßen können. Sie wollen sozusagen immer Anlaufstelle für Neue sein.

Die Aufnahme von neuen Mitgliedern ist ein bedeutender Vorgang, dem man seine Aufmerksamkeit schenken sollte. Man muss als Gruppe überlegen, wie man hier vorgehen möchte. Hier sollen deshalb einige Aspekte angesprochen werden, die wir im Forum diskutiert haben.

Eine Auswahl treffen

Als Gruppe muss man überlegen, wen man in die Gruppe aufnehmen möchte. Das Thema der Selbsthilfegruppe - in unserem Fall Sozialphobie - steckt schonmal ab, wer hier richtig ist: Menschen mit Sozialphobie oder sozialen Ängsten.

Gerade bei Sozialphobie zeigt sich aber, dass dies ein großes Spektrum ist. So gibt es z.B. eher zurückhaltend-schüchterne Menschen, wie auch extrovertierte Menschen. Gerade diese beiden Gruppen von Menschen sorgen für Spannungen in der Gruppe. Die einen, die immer viel reden und damit den anderen evtl. den Raum wegnehmen. Die eher schweigsamen Mitglieder würden sich vielleicht in einer Gruppe wohler fühlen, zu der nur schweigsame Menschen kommen.

Entscheidet man sich dafür, in eine Gruppe nur zurückhaltende Menschen aufzunehmen, hat das auch wieder Nachteile. Zum einen kann es passieren, dass in der Gruppe eine sehr träge und eingefrorene Atmosphäre entsteht. Jeder hält sich zurück und nichts passiert. Etwas offensivere Menschen hingegen können eine Gruppe durchaus in Fahrt bringen, ohne gleich allen Stilleren den Rederaum zu nehmen.

Es gibt noch einen zweiten Aspekt: Entscheidet man sich für eine Gruppe mit nur zurückhaltenden Menschen, bietet man gleichzeitig all denen kein Forum des Austausches, die zwar unter Sozialphobie leiden, aber eher extrovertiert sind.

Ein Patentrezept gibt es nicht, im Forumsaustausch fanden sich beide Wege: Gruppen, die ganz klar nur zurückhaltend-schüchterne Menschen aufnehmen, wie auch Gruppen, die jeden aufnehmen, der von sich sagt, er hat soziale Phobie und möchte daran arbeiten.

"Daran arbeiten" ist ein wichtiges Stichwort. Ist der Zweck der Gruppe, dass man an seinen Problemen arbeitet? Das ist zwar für Selbsthilfe eher typisch, muss aber nicht sein. Genauso gut gibt es Gruppen, für die der Aspekt im Vordergrund steht, mit netten Leuten zusammen zu sein und was zu unternehmen.

Ein weiterer Aspekt ist die Frage der Geschlechterverteilung. Soll die Gruppe ausgeglichen sein, was Frauen und Männer angeht? Dann gilt z.B. ein Aufnahmestopp für Männer, wenn zu wenig Frauen momentan in der Gruppe sind. Oder ist es egal, dann kann jeder nachrücken, typischerweise nach dem Zeitpunkt der Anmeldung.

Beim Thema Geschlechterverteilung gilt es zu beachten: Wenn eine Gruppe sehr wenig Frauen hat, dann fühlt sich diese Minderheit evtl. unwohl. Das führt dann dazu, dass diese wenigen Frauen die Gruppe auch noch verlassen. Dann stellt sich eine starre Konstellation ein, wo keine Frauen mehr bleiben. Denn immer dann, wenn eine neue Frau in die Gruppe kommt, fühlt sie sich in der Minderheit. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese dann wieder die Gruppe verlässt, ist groß. Umgedreht gilt es natürlich genauso, wenige Männer fühlen sich in einer Frauen-dominierten Gruppe evtl. unwohl.

Es kann also gut sein, z.B. dafür zu sorgen, dass in einer Gruppe mit 12 Mitglieder n mindestens immer 4 Frauen oder 4 Männer sind, dass also das Ungleichgewicht nie zu groß wird.

Bei der Auswahl neuer Mitglieder existiert auch die Frage: Sollten auch persönliche Vorlieben eine Rolle spielen, wen man aufnimmt? Und wessen Vorlieben spielen dabei eine Rolle? Wählt einer aus oder entscheidet die Gruppe?

Gegen solch eine Auswahl spricht, dass eine Gruppe sich nur bequeme Menschen aussucht und damit Konfrontation mit Problemen aus dem Weg geht, an denen jeder wachsen kann. Die Gruppe kann dadurch auch sehr einseitig und unbefriedigend werden. Man vermeidet so alle Menschen, die irgendwas unangenehmes in einem auslösen könnten.

Auf der anderen Seite muss eine Gruppe schauen, dass es der Gruppe als Ganzes gut geht. Und das bisherige Mitglieder die Gruppe nicht verlassen, weil neue kommen, mit denen sie nicht klarkommen. Das Gruppenwohl und die gute Entwicklung der Gruppe sind wichtig. Zuviel Spannungen in einer Gruppe können zerstörerisch sein.

Für manche im Forum ist das Wohl der Gruppe das entscheidende übergeordnete Kriterium.

Der Grad der Offenheit

Wie offen ist eine Gruppe? Können jederzeit neue unangemeldet auftauchen? Oder meldet man sich vorher an, führt vielleicht ein Erstgespräch? Oder nimmt man nur zu gewissen Zeitpunkten neue in die Gruppe auf?

Es gibt Erfahrungen, dass eine Gruppe, die jederzeit offen ist, sich nicht gut vertiefen kann. Nähe und Vertrautheit können nur entstehen, wenn immer die gleichen Mitglieder sich treffen. Jeder Neue wird von vielen erstmal als "Störfaktor" wahrgenommen, weil das Fremdheitsgefühl sich gegen Nähe und Vertrautheit richtet. Zwar bringt jeder Neue auch wieder Chancen und Möglichkeiten in die Gruppe. Bei sozial ängstlichen Menschen steht aber eher das unangenehme Gefühl von Fremdheit im Vordergrund, was lähmen kann.

Das bedeutet nicht, dass so eine Gruppe untauglich ist. Es gibt viele Themen, die man auch bereden kann, wenn nicht so viel Vertrautheit da ist. Und es ist auch ein Übungsfeld, sich immer wieder mit neuen Leuten auszutauschen, sich dem Fremdheitsgefühl und der Angst zu stellen.

Wenn man jedoch Themen bearbeiten möchte, die mehr Vertrautheit und Nähe brauchen, dann empfiehlt es sich, Neue nur in bestimmten Zeitabständen aufzunehmen und auch nicht zu viele Neue auf einmal. Dann hat man Zeit, sich aneinander zu gewöhnen, um die benötigte Vertrautheit aufzubauen.

Ein weiteres Argument für eine Gruppenkonstanz ist die Entwicklung einer förderlichen Gruppenkultur, auf die man sich gemeinsam einschwingt. Diese ermöglicht es, konstruktiv und sinnvoll zusammenzuarbeiten. So werden z.B. Gesprächsregeln erlernt, die den Austausch verbessern. Es braucht Zeit und Konstanz, damit sich eine Gruppenkultur ausprägen kann.

Mitunter ist die Aufnahme von Neuen auch dadurch begrenzt, dass man sich auf eine Höchstzahl von Gruppenmitgliedern geeinigt hat. Dann kann erst jemand neues aufgenommen werden, wenn ein Platz in der Gruppe frei wird.

Wieviele Gruppenmitglieder?

Wie groß sollte eine Gruppe sein? Die Erfahrungen zeigen, dass 9-12 Mitglieder eine gute Gruppengröße sind.

Eine Gruppe, die nur 5-6 Mitglieder hat, bekommt Schwierigkeiten, wenn mal 1-2 Leute abspringen oder mehrere an einem Gruppentermin nicht können.

Allerdings gibt es auch Beobachtungen, wo ein Gruppentreffen mit nur 5-7 Anwesenden als sehr vertraut empfunden wurde, wenn sonst die Gruppe eher 9-12 Mitglieder umfasste.

In einer Gruppe mit 16 oder mehr Mitgliedern gibt es nicht mehr genug Gesprächsraum für jeden. Auch wirkt eine Gruppe mit so vielen Mitgliedern bedrohlicher. Nähe und Vertrautheit kommen nicht mehr so gut auf.

Die Größe des Gruppenraumes spielt auch eine Rolle. Wenn man nur noch eng gequetscht sitzen kann oder die Luft innerhalb von 10 Minuten total stickig ist, funktioniert Gruppe nicht wirklich.

Abgrenzung vor falschen Gruppenmitgliedern

Nicht jeder, der in die Gruppe will, ist wirklich richtig. Hier muss man auch den Mut haben, sich abzugrenzen und Nein zu sagen.

Manche wollen in die Gruppe, die eigentlich überhaupt keine sozialen Ängste oder Sozialphbobie haben. Sie haben vielleicht andere Formen von Ängsten, Depressionen, Boderline-Störungen usw.

Manch einer empfindet sich zwar als schüchtern, hat damit aber keine Probleme. In einer Gruppe, die an diesem Thema arbeiten möchte, wäre so eine Person nicht richtig.

Manch einer sucht eher Kontakte, nicht selten auch einen Partner. So gibt es Selbsthilfe-Hopper, die von Gruppe zu Gruppe springen, um einen Partner zu finden. Solche Menschen stören das eigentliche Anliegen der Gruppe.

Kurzum, man sollte erkunden, was das Anliegen des anderen ist, um dann zu schauen, ob er mit seinen Bedürfnissen richtig in der Gruppe ist.