Thema Körperlichkeit in der Selbsthilfe
Zusammenfassung aus Forendiskussion
Sinnlichkeit
ist die Eintrittskarte
zum Garten der Gefühle.
(Ernst Ferst)
Das Thema Körperlichkeit scheint ein heißes Eisen. Einerseits kann körperliche Berührung angenehm sein, andererseits besteht eine Scheu vor dieser Nähe. Und auch eine Angst vor Grenzverletzung.
Wie sollte man mit diesem Thema umgehen? Sollte man körperliche Berührung gänzlich aus der Selbsthilfearbeit raushalten. Nur reden und möglichst auf Distanz bleiben, um gar nicht erst mit Schwierigkeiten aus diesem Bereich in Berührung zu kommen? Oder sollte man gar körperliche Übungen bewusst einbinden, weil sie eine wichtige Chance für erlebte Nähe und Wohlbefinden sein können?
In der Diskussion kam heraus, dass einige die aktive Einbeziehung von Körperlichkeit für wichtig halten. Gerade im Zusammenhang mit sozialen Ängsten. Soziale Ängste sind geprägt von Einsamkeit und dem Gefühl von Getrenntheit. Man kann nur schwer in Kontakt mit anderen kommen. Auf körperlicher Ebene Erfahrungen von Verbundenheit zu machen, kann daher eine große Chance sein.
Auf der anderen Seite ist dieses Unwohlgefühl, mit anderen in einem Raum zu sein, sich körperlich Nahe zu sein. Wenn es gelingt, auf dieser körperlichen Ebene angenehme Erfahrungen zu machen, dann strahlt das in alle anderen Bereiche zwischenmenschlicher Erfahrung mit hinein.
Auf verbaler Ebene könnte es erstmal eine Auseinandersetzung mit dem Thema generell sein:
- Was hat Körperlichkeit für einen Stellenwert in meinem Leben?
- Wie lebe ich Sinnlichkeit und Sexualität?
- Wo ist die Grenzlinie zwischen Nähe, Sinnlichkeit und Sexualität?
- Was tut mir gut, was habe ich für positiven körperlichen Kontakt erlebt?
- Welche schlechten Erfahrungen und Grenzverletzungen habe ich erlebt?
- Wie wollen wir in der Gruppe mit Körperlichkeit umgehen?
Erfahrungen waren, dass diese Themen in verschiedenen Gruppen eher selten zur Sprache kamen. Gepaart mit einer Vermutung, dass dieses Thema vermieden wird, obwohl auch ein Bedürfnis da ist, darüber zu reden. Wenn das Thema angesprochen wurde, war in einer Gruppe viel Zurückhaltung da und die Diskussion wurde recht schnell wieder abgebrochen.
Evtl. könnte es besser gelingen, über dieses Thema zu sprechen, wenn die Gruppe sich aufteilt - Frauen unter Frauen und Männer unter Männern. Zumindest könnte dies ein Impuls geben, sich mal in einem anderen Setting über dieses Thema zu unterhalten.
Bei der Diskussion im Forum kam interessanterweise mehrfach der Wunsch auf, Nähe und Körperlichkeit als angenehmen und verbindenden Aspekt mehr in die Gruppenarbeit aufzunehmen. Das können z.B. sein:
- Begrüßungsgesten (Hand geben, Umarmung, Schulterklopfen)
- Resonanzkreis (Man gibt sich im Kreis die Hände und spürt meditativ für eine halbe Minute diese Verbindung und Verbundenheit. Gut als Eröffnungs- oder Abschlussritual)
- Spiele, bei denen es auch zu Körperkontakt kommt. Das können schon so einfache Spiele wie "Die Reise nach Jerusalem" sein.
- Körperübungen (Rücken an Rücken, Kontakt spüren oder gegeneinander kämpfen, Rücken des Partners ausklopfen, Vertrauensübungen -> sich fallen lassen und aufgefangen werden)
Wenn man sich über Körperlichkeit Gedanken macht, spielen natürlich auch die frühkindlichen Erfahrungen eine besondere Rolle. Viele frühen Erfahrungen waren primär sinnlich-körperlich. Gestörte Beziehungen wirkten früh auf dieser Ebene. Insofern könnte es gut sein, bei der Auseinandersetzung mit dem Thema, auch die nährenden wie die destruktiven frühen Erfahrungen zu reflektieren.
Das Thema Sinnlichkeit und Sexualität hat oft bei sozial ängstlichen Menschen einen besonderen Stellenwert: Viele leben aufgrund ihrer Kontaktschwierigkeiten nicht in einer Partnerschaft. Und dieser belastende Umstand könnte so auch ein wichtiges Gruppenthema sein.
In unserer Gesellschaft wird dem Thema Sexualität ein großer Stellenwert beigemessen. Auch hier ist es interessant, mal wirklich zu schauen, welche Wichtigkeit jeder diesem Thema entgegenbringt. In der Diskussion gab es nämlich auch Aussagen, dass Sexualtität eher unbedeutend und nebensächlich für das eigene Leben ist (Stichwort: Asexualität).
Einigkeit herrscht, dass man bei allen Versuchen, das Thema Körperlichkeit in die Gruppenarbeit einzubeziehen, sehr vorsichtig und sensibel sein muss. Schnell sind sonst Grenzen überschritten und Angst und Abwehr entsteht. Jeder muss für sich schauen, wieviel körperliche Nähe für ihn angenehm ist und es darf dabei kein Gruppendruck aufkommen. Angenehmer Körperkontakt lässt sich nicht erzwingen, nach dem Motto: "Jetzt halten wir alle mal fein Händchen und fühlen uns dann ganz nah."
Wichtig ist natürlich auch die Frage, wie man gemachte körperliche Erfahrung von der Gruppe in den Alltag transportieren kann. Man könnte sich z.B. mal trauen, einem Freund auf die Schulter zu klopfen oder öfters mal jemanden die Hand geben, wenn man das eher vermeidet.
Soll man über alles erst reden oder manches einfach tun? Dieses gedankliche Fokussieren, in dem man über jede körperliche Interaktion erstmal redet, kann auch lähmend sein. Manches kann man auch einfach mal tun, ohne es erst zerreden zu müssen. Der spontane Impuls, jemanden auf die Schulter zu klopfen, gehört wohl besser sofort ausgelebt. Wenn jemand eine Idee für eine Körperübung hat, kann es sinnvoll sein, es einfach gemeinsam zu tun, als erst haarklein alles zu bereden. Jeder kann ja in jedem Moment Stop sagen. Wenn man sich etwas besser kennt, kann man auch besser ausloten, welcher Spielraum für jeden spontan möglich ist und wo man besser zuvor drüber redet.
Körperlichkeit umfasst auch einen weiteren Bereich: Welche Ausstrahlung habe ich durch meinen Körper? Wie wirke ich auf andere, durch das, was ich körperlich bin? Und wie kann ich eine positive Beziehung zu meiner Körperlichkeit finden? Wie kann ich mich in meinem körperlichen Sein annehmen?
Eins ist ganz wichtig bei dem Thema: Sinnlichkeit, Sexualität und körperliche Nähe sind ganz wesentliche menschliche Bedürfnisse. Wenn sich der Möglichkeitsraum, in diesem Bereich Befriedigung zu erfahren, für jeden weiten kann, ist das eine gute Sache. Hier liegt ein großes Potenzial, ein glücklicheres Leben zu führen.
Dieses Thema aktiv in die Selbsthilfe einzubeziehen, eröffnet viele Möglichkeiten, sich hier weiterzuentwickeln. Das Thema zu vermeiden, schafft in diesem Bereich eher Stillstand.
Weblinks
- Wikipedia: Sinnlichkeit
- Wikipedia: Sexualität
- Wikipedia: Asexualität
- Wikipedia: Körperkontakt
- Wikipedia: Gruß
(Start: 24.06.06, Stand: 24.06.06, Autor: Fred)