Unangemessene Angst

Fred, 16.01.2006

Wir diskutieren im Forum gerade über diesen Begriff der "Unangemessenen Angst", wie er oft in der Literatur über Ängste zu finden ist. Ist es nicht vermessen, von unangemessener Angst zu sprechen? Wann ist denn eine Angst angemesssen? Ich denke, da sind sich die meisten Autoren einig. Eine Angst gilt dann als angemessen, wenn man in der konkreten Situation auch eine konkrete Bedrohung erkennen kann.

Da haben wir aber auch schon ein Problem. Das Leben ist ja nunmal generell bedrohlich, immer und überall. Und jeder reagiert ganz anders auf Bedrohungen.

Dem einen fällt die Bedrohung überhaupt nicht auf, weshalb er auch keine Angst verspürt. Der nächste erkennt die Bedrohung, hat aber für sich genügend Möglichkeiten, sich davor zu schützen. Jemand, der in einer Kampfsportart geschult ist, wird vielleicht vor aggressiven Jugendlichen keine große Angst empfinden, weil er sich schützen kann. Jemand, der körperlich schwach ist und keine Verteidigungsmöglichkeit hat, wird vielleicht mit größten Ängsten reagieren.

Man kann also feststellen, dass vieles gar nicht so objektivierbar ist. Man kann nicht sagen: Diese Situation ist objektiv bedrohlich und jene nicht. Es kommt auf den Menschen mit seinen Fähigkeiten und Erfahrungen an. Und es kommt darauf an, wie ein Mensch von der Veranlagung ist. Es gibt ein Spektrum von übervorsichtig bis tollkühn, und alles dazwischen hat irgendwie seine Berechtigung und macht Sinn.

Die einzige Aussage die man objektiviert treffen kann: Man kann sagen, dass die meisten Menschen in unserer Kultur keine Angst vor dieser oder jener Situation verspüren. Ist dann alles unangemessen, wo man anders empfindet als die Mehrheit der anderen?

Ungemessene Ängste - diese Idee kann auch verkürzt gedacht, irre führen. Man kann schnell auf die Idee kommen, mit mir stimmt was nicht, meine Psyche ist irgendwie krank oder verrückt. Das kann natürlich der Fall sein, oft genug ist es jedoch anders. Wenn man tief genug schaut, erkennt man einen Sinn auch in Ängsten, die nicht so recht zur konkreten Situation zu passen scheinen.

Es ist ja nicht so, dass wir jeden Tag ein neues Leben beginnen, was völlig abgeschnitten von allen vorherigen Erfahrungen ist. Unsere Erfahrung prägt uns, wir tragen sie das ganze Leben mit uns rum. Und damit wird wieder vieles verständlich. Ein Mensch, der schonmal von einem Hund angefallen wurde, hat auf einmal Angst vor Hunden. Selbst vor einem Hund der angeleint ist, wo man also in der jetzigen Situation sagen kann: Der kann ja gar nichts tun! Ist seine Reaktion damit unangemessen? Oder vielleicht sogar unverständlich und krank?

Die Erinnerung wirkt und löst Reaktionen aus. Genauso ist es bei sozialen Situationen oder bei der Begegnung mit Menschen, die etwas beängstigendes in einem auslösen können. Die aktuelle Situation wird zu einem Trigger, der alte Erfahrungen wieder hervorholt. Und die Psychotherapie beschäftigt sich ja sehr viel damit, gemachte Erfahrungen zu integrieren oder alte Verletzungen und seelische Wunden zu heilen.

Gerade die seelischen Wunden sind es, die manchmal bei der Betrachtung von Ängsten nicht genug gewürdigt werden. Dann wird eine Situation dahingehend bewertet, ob jetzt real eine körperliche Bedrohung existiert. Das offene seelische Wunden auch viel Schmerz verursachen können, wird dabei nicht gesehen. Ebenso können Reaktionen wie Scham, Selbstablehnung oder Minderwertigkeit ausgelöst werden, die starkes Leid nach sich ziehen.

Betrachtet man Ängste aus diesem Gesamtzusammenhang, ist vieles verstehbar und völlig angemessen. Um einen Menschen zu verstehen, reicht es nicht, Situation und Verhalten zu beobachten. Man muss die Biografie und den Menschen als Ganzes sehen, mit all seinen Erfahrungen. In den Erfahrungen liegt oft der Schlüssel, wo aus - oberflächlich betrachtet - unangemessenem Verhalten, eine zutiefst sinnvolle Reaktion wird.

Wenn aus etwas Unverständlichem etwas Begreifbares wird, dann ist das ein Stück Heilung. Ängste als unangemessen abzutun, fördert diesen Heilungsschritt eher nicht.

Die große Chance von persönlicher Entwicklung sehe ich darin, gemachte Erfahrungen zu verstehen und auf eine neue Weise zu integrieren, so dass man Hier und Heute besser leben kann.